La dolce vita Michael 

Alfa 2000 Touring Spider

Intensiver lässt sich das italienische Lebensgefühl der späten Fünfziger kaum erfahren.

Miracolo economico! Ende der Fünfzigerjahre hatte das Wirtschaftswunder längst auch Italien erreicht. Alfa Romeo und Lancia, heute friedlich im Fiat-Konzern vereint, kämpften damals erbittert auf ihrem Heimmarkt um die Vorherrschaft in der Luxusklasse. Der Wettstreit wurde allerdings mit der feinen Klinge der Ingenieure ausgetragen. Die beiden Marken trieben sich ständig zu neuen technischen Höchstleistungen, was jene Modelle heute besonders begehrenswert macht.

Der Alfa Romeo 2000 Touring Spider ist eines der herausragenden Juwele dieser Epoche. Das mondäne Kind des Wirtschaftswunders galt als Statussymbol der Reichen und Schönen, nahm also die Rolle eines südländischen Mercedes 190 SL ein. Genau genommen spielte der Touring Spider sogar eine Liga darüber, war er doch deutlich teurer als sein schwäbisches Pendant oder ein Jaguar XK 150 Cabriolet. Die ambitionierte Positionierung verhalf zu hoher Exklusivität, schadete dem Erfolg aber keineswegs. Zwischen 1957 und 1962 entstanden von der Baureihe 102 insgesamt 3445 Spider (102.04), 2927 Berlina genannte Limousinen (102.00) und 706 Sprint-Coupés (102.05).

Im Gegensatz zur Limousine wurde das Cabriolet in der Mailänder Edelschmiede Carozzeria Touring gefertigt, damals eine der ersten italienischen Adressen in Sachen Karosseriebau, wo beispielsweise auch die wichtigsten frühen Ferraris und Lamborghinis eingekleidet wurden.

Das Erfolgsgeheimnis des Touring Spider lag wohl im perfekten Package: Ein zeitlos-eleganter Sportwagen mit erstaunlichem Komfort, raffinierter Technik und Fahrleistungen, die auch heute noch begeistern.

Nicht nur Alfisti werden bei diesem Anblick in Schnappatmung verfallen. Vorne dieses markante, falkenhaft scharf geschnittene Gesicht, gefolgt von einer sanft geschwungenen, geradezu perfekten Cabriolet-Linie. Klassische Instrumente, schweres Chrom und edles Interieur bestätigen die gehobene Marktposition genauso wie der überraschend hohe Fahrkomfort.

Man würde es bei soviel Eleganz kaum glauben, aber der Touring Spider zeigt sich als äußerst talentierter Reisewagen. Der Kofferraum packt weit mehr als bloß Zahnbürste und das kleine Schwarze, und die Cockpit-Abmessung beschrieb Philipp Waldeck, Urgestein unter den automobilen Edelfedern und einst selber Besitzer eines Touring Spider folgendermaßen: „In diesem Alfa Carozzeria Touring könnte man auch mit einer Frau verreisen, die man hasst, ohne durch Ellbogenberührung vergiftet zu werden.“

Ein erschreckender Gedanke, aber man darf aus der Betrachtung folgern, dass der gebotene Komfort für einen italienischen Sportwagen geradezu außergewöhnlich ist. Der große Bruder des Giulietta Spider war als offener Gran Turismo konzipiert, und das Versprechen der großen Reise wird in der Summe der Qualitäten souverän eingelöst.

Lange Etappen stellen kein Problem dar, kurze sind Anlass zu gehobenem Fahrvergnügen. Schließlich war die technische Raffinesse von Beginn an Alfa Romeos Markenkern. Im Mittelpunkt steht die klassische Doppelnockenwellen-Maschine, ein mechanischer Leckerbissen mit enormem historischen Background.

Als Vater des Motors gilt Giuseppe Busso, der ab 1945 die Entwicklung des ersten Ferrari-Modells überhaupt betreute. Der ebenso geniale wie innovative Ingenieur wechselte 1948 zu Alfa Romeo, wo er für die nächsten 30 Jahre als Chef-Techniker tätig war. Wir haben diesem Mann also alle bedeutsamen Alfa Romeos der Nachkriegszeit zu verdanken. Eines seiner ersten Meisterwerke war der Doppelnockenwellen-Motor, der den Alfa-Mythos entscheidend prägen sollte.

Die aufwendige Mechanik mit zwei über Ketten angetriebene obenliegende Nockenwellen plus eine fünffach gelagerte Kurbelwelle war damals pure Renntechnologie, die nur die wenigsten Hersteller in Serienfahrzeugen verwendeten.

Ab 1950 wurde der erste Doppelnockenwellenmotor in der Limousine Alfa Romeo 1900 verwendet, von der auf einer verkürzten Bodengruppe diverse Cabrios, Roadster und Coupés abgeleitet wurden, wie etwa der legendäre Disco Volante. Schon 1954 wurde der Hubraum auf zwei Liter erhöht, zum 2000 wurde die Modellreihe allerdings erst 1957 gekürt. Ab diesem Zeitpunkt entstand bei Carozzeria Touring der hinreißende 2000 Spider.

Umfangreiche Verbesserungsmaßnahmen gegenüber dem Vorgänger führte dazu, dass die Schweizer Automobilrevue damals urteilte: „Wenn man das elegante Cabriolet nach der ersten Fahrt verlässt, so will man es kaum glauben, dass aus dem etwas rauen 1900er ein dermassen feines und doch sehr schnelles Auto entstehen konnte.“ In Zahlen notierte das amerikanische Magazin „Road & Track“als Höchstgeschwindigkeit 179 km/h, was damals deutlich über dem Klassenschnitt von Zwei-Liter-Sportwagen lag.

Ganz italienischer Gentleman lässt sich der Touring Spider seine Sportlichkeit allerdings nicht anmerken. Das exakte Fünfganggetriebe ermöglicht perfekte Anschlüsse zwischen den Gängen, der Zweiliter-Vierzylinder begeistert durch hohe Leistungsausbeute genauso wie durch spontanes Ansprechverhalten. Und das Schönste daran: Der seidige Lauf geht mit steigender Drehzahl in jenes kernige Trompeten über, das Alfisti gerne Canzone del Bialbero nennen, das Lied der Doppelnockenwelle. Ein Sound, der einfach nur großartig ist und jeden gefahrenen Kilometer zur Genussmeile macht.

Der von ChromeCars offerierte Alfa Romeo 2000 Touring Spider darf als ganz besonderes Exemplar gesehen werden. 1960 in Texas ausgeliefert und bis 1971 vom Erstbesitzer gefahren, die nächsten Jahrzehnte schlummerte das Juwel im trockenen und salzfreien Bundesstaat dahin. Erst kürzlich wieder zum Leben erweckt, wurde der Touring Spider einer gefühlvollen hochwertigen Restaurierung unterzogen. Matching Numbers und die originale Farbkombination sind selbstverständlich.

Und für alle, die jetzt noch immer zweifeln: Man kommt hier einen raren, fantastischen offenen italienischen Gran Turismo, der in Lebensgefühl und Exklusivität ganz nah an einem Ferrari Cabriolet jener Tage dran ist. Allerdings zu einem Bruchteil des Geldes.